Bürgermeister Peter Grab im Neue Szene Interview

27. Oktober 2011

Herr Grab, von den Öffnungszeiten der Bücherei, der drohenden Zerschlagung der Stabi, dem umstrittenen Kuspo-Konzept, der Dauerbaustelle Stadttheater, dem sehbehinderten Eisstadion  bis zum abgelehnten Biennale-Konzept…ist die Krise bei Ihnen eine Art Dauerzustand?

 Die Öffnungszeiten der Stadtbücherei um lediglich eine Stunde täglich zu kürzen war ein Versuch, angesichts zu wenig Personal zu reagieren, wozu ich ja verpflichtet bin. Die Kürzung sollte nur so lange andauern, bis wieder mehr Personal zur Verfügung steht. Die Stabi ist bekanntlich auf einem sehr guten Weg. Ohne den ku.spo-Fördertopf hätte vom City-of-Peace-Programm über das Friedensmarathon bis hin zu Schul-, Integrations- und Vereinsprojekten vieles nicht stattfinden können – deshalb wurde heuer ku.spo einstimmig von allen Fraktionen im Sportausschuss beschlossen. Das Theater Augsburg ist ebenso auf einem guten Weg wie das Curt-Frenzel-Stadion – beide Großprojekte wurden jahrzehntelang nicht angegangen, wir hatten den Mut dazu. Und das Biennale-Konzept ist der richtige Schritt, die enorme und unterfinanzierte Anzahl von Augsburger Festivals in den Griff zu bekommen. Ich bin überzeugt, dass eine Lösung kommen wird. Eine Krise kann man auch herbei reden. Ich habe sie nicht.

 Was sagen Sie zum Vorwurf, ihre Kulturpolitik sei verfehlt?

Das gehört zum politischen Geschäft. Es gibt sehr viele Menschen, die meine drei kulturpolitischen Ziele unterstützen und gut heißen: Interkulturelle Öffnung angesichts des hohen Migrationsanteils unserer Bevölkerung, Stärkung der Pop- und Jugendkultur sowie die Verbindung zwischen Kultur und Sport. Unabhängig davon werden gerade langjährige Probleme gelöst – sei es das Theater, das Stadtarchiv oder die Staats- und Stadtbibliothek.

 Dieser Vorwurf kam immerhin von Kulturamtsleiter Thomas Weitzel, das sieht  nach Machtkampf aus.

 Das ist nicht richtig. Herr Weitzel hat nie gesagt, meine Kulturpolitik sei verfehlt – im Gegenteil, als mein Amtsleiter vollzieht er die obigen Ziele.

 Sie haben die Strukturen und Arbeitsweisen des Kulturamts kritisiert haben Sie da keinen Einfluss?

Ich habe gesagt, dass es nicht angeht, dass künftige Generationen Kosten der gegenwärtigen Festivals bezahlen sollen, indem jetzt (und früher) produzierte Überstunden jahrelang in die Zukunft geschoben werden. Solange also der Stadtrat nicht mehr Personal zur Verfügung steht, muss über neue Strukturen im Kulturamt nachgedacht werden. Das ist doch kein Vorwurf an das Kulturamt oder dessen Mitarbeiter! Ich allein darf natürlich nicht bestimmen, wie viel Personal zur Verfügung steht, sondern die politischen Gremien.

 Sie haben die Strukturen und Arbeitsweisen des Kulturamts kritisiert muss Weitzel weichen, oder sich fügen?

 Diese Frage stellt sich aus obigen Gründen nicht.

 Haben Sie die Unterstützung von OB-Gribl?

 Ja, selbstverständlich.

 Für eine OB-Mehrheit bei der Biennale Abstimmung reichte es (trotzdem) nicht, gab es vorher keine koalitionsinterne Abstimmung?

 Seit wann muss es in allen Punkten eine Übereinstimmung zwischen Koalitionspartnern geben? Eine Biennale-Abstimmung gab es im Übrigen gar nicht, sondern eine über die Gründung einer Arbeitsgruppe, die sich mit den Problemen befassen wird, die zum Biennale-Konzept führten. Und das ist gut so, denn eine Lösung muss her. Insofern hat die Konzept-Vorlage etwas Gutes und Zukunftsweisendes bewirkt.

 Welches kulturelle Profil hat Augsburg ?

Augsburg verfügt aufgrund seiner langen und vielfältigen Geschichte über viele Alleinstellungsmerkmale, von denen sich in den letzten Jahren drei als Dachmarken herausgebildet haben: Friedensstadt, Brechtstadt und Mozartstadt. Die erste Priorität gebe ich der Friedensstadt mit dem weltweit einzigen Feiertag zum Thema Frieden.

 Augsburg ist eine der deutschen Städte mit den meisten Migranten, was bedeutet das für die Kultur und die Stadt an sich?

Aus der historischen Verpflichtung des Religionsfriedens erwächst eine moderne Herausforderung, indem heute Menschen aus 120 Nationalitäten in Augsburg leben und über 40 % der Bevölkerung Migrationshintergrund haben. Dieses vielkulturelle Miteinander sollte Vorbild für andere Kommunen sein. Wichtig ist dabei, dass sich die kulturellen Institutionen auf die Bedürfnisse der vielen Migranten einstellen.

 Was sagen Sie zur Kritik an “überhöhten Zuschüsse” für die Hochkultur, Einsparungen bei Festivals, zu wenig Geld für Vereine – das ist doch eigentlich das, was Pro-Augsburg immer kritisiert hat?

 Meines Wissens hat Pro Augsburg das so nie kritisiert, schon gar nicht überhöhte Zuschüsse für die Hochkultur. Ein Symphoniekonzert kostet nun einmal mehr als ein Slam-Poetry-Abend. Das kann aber nicht zur Folge haben, dass die zweitausendjährige Kulturstadt Augsburg als dann einzige drittgrößte Stadt aller Bundesländer kein Drei-Sparten-Theater mehr haben sollte! Ich bin im Wahlkampf mit dem Slogan “Kultur für alle” angetreten und dafür stehe ich auch heute. Ich war und bin für das Sowohl-als-auch-Prinzip. Hoch- und Breitenkultur haben beide ihre Berechtigung und ihr Publikum. Ich möchte Kulturreferent für alle Bevölkerungsschichten sein. Daher setze ich mich für das Theater genauso ein wie für das Jugendkulturfestival und deshalb war mir auch die Einführung des Festivals der Kulturen so wichtig.

 Mal unter uns, wie schaffen Sie es bei all der Kritik nicht hinzuwerfen und zu sagen: Ihr könnt mich mal?

 Ich habe gewusst, worauf ich mich eingelassen habe – schließlich war ich jahrelang nah genug dran an der Politik. Und dass die Kultur kein Zuckerschlecken ist, war mir spätestens seit meiner langjährigen Tätigkeit als Vorsitzender des Berufsverbandes Bildender Künstler bewusst.

 Kennen Sie den Spruch von Willy Brandt, dass ein guter Politiker immer auch ein wenig autistisch sein muss und trotzdem vom Volk geliebt werden will ? (stimmt das?)

 Willy Brandt hat viele kluge Sprüche hinterlassen. Mein Motto ist, sich nicht von Zerredern und Steine-in-den-Weg-Legern beirren zu lassen. Für gute Ideen und Projekte lohnt es sich zu kämpfen.

 Wann ist ein Politiker nicht mehr handlungsfähig?

 Wenn er nicht mehr gewählt wird.

 Welche Fragen von der Presse nerven Sie eigentlich am meisten? Sagen Sie bitte nicht es gibt keine, es gibt sicher welche.

 Suggestive Fragen, bei denen man merkt, dass es dem Fragesteller nicht darum geht, eine zurecht rückende Antwort zu bekommen.

 Worüber können Sie lachen?

 Ich lache oft. Es gibt sehr viel im Alltag, worüber man schmunzeln oder lachen kann – selbst im Stadtrat. Am liebsten lache ich über mich selbst.

 

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